Nivea statt Meinungsfreiheit: Werbeindustrie droht Facebook mit Budgetkürzungen

Tina Beuchler will Facebook kontrollieren

Tina Beuchler will Facebook kontrollieren

Wenn die deutsche Industrie wirbt, erwartet sie von den Medien die Bereitstellung eines geeigneten Umfelds. Freie Meinungsäußerung kann da mitunter nur störend wirken. Man wolle „natürlich vermeiden, mit unserer Werbung in einem Umfeld zu erscheinen, das keine Brand Safety gewährleistet und zu Shitstorms führen kann“, wie das für Unilever tätige OWM-Vorstandsmitglied Arne Kirchem in einem „horizont“-Interview sprachlich geschliffen zu Protokoll gab. Die Organisation Werbungtreibende im Markenverband (OWM) ist ein deutscher Verein der Werbungtreibenden mit Sitz in Berlin. Zweck des Branchenverbandes ist die Vertretung der Interessen der Werbung treibenden Unternehmen, den Einsatz für weitgehende Derregulierung von Werbevorschriften. Auch wendet der Verband sich gegen jede Art von Werbeverboten für legale Produkte, zB für Zigaretten. Vorstandsvorsitzende des Lobbyverbands ist Tina Beuchler, „Digital Director“ der Nestlé Deutschland AG. Mitglieder sind u.a. Allianz, Beiersdorf, Deutsche Bank, Nestlé, Opel und Volkswagen.

Wer bisher dachte, die größten Gefahren für die in der Verfassung verbriefte Meinungsfreiheit wären Justizminister Heiko Maas oder Familienministerin Manuela Schwesig, der muss nun umdenken. Maas verbittet sich zwar schon einmal Kritik an der Politik der Bundesregierung und diffamiert diese als Beitrag zur geistigen Brandstiftung. Wenn er sich nicht gerade im steten Kampf gegen „Hass und Hetze“ und den Anforderungen eines Amtes, dem er nicht gewachsen ist, aufreibt. Und das Ministerium von Schwesig fördert mit mittlerweile Millionen an Steuergeldern die von der Ex-Stasi.IM Anetta Kahane befehligte Amadeo-Antonio-Stiftung ebenfalls beim Kampf gegen „Hass und Hetze“.

Aber jetzt schlagen sich die Lakaien der deutschen Spitzenindustrie auf die Seite der Gesinnungspolizei. OWM-Vorstand Kirchem über Facebook:

„Die haben schon verstanden, dass wir ein sehr ernstes Problem damit haben, wenn ihre Plattform durch Hasstiraden und Hetze diskreditiert wird.“

Es ist schon schlimm genug, dass man sich, befördert durch den Niedergang der Printmedien, mittlerweile auch dort, wo man es nicht für möglich halten würde, redaktionell wohlwollende Einlassungen bestellen kann, wenn diese Bitte von etwas Werbevolumen begleitet wird. Dies dringt allerdings aus dem wohlverstandenem Interesse beider Seiten nur sehr selten nach außen.

Daher ist es überraschend, wie dummdreist, impertient und demokratiefeindlich sich OWM-Vorstand Tina Beuchler jetzt in dem erwähnten Interview öffentlich äußerte. Auf die auf dem linken und muslimischen Auge blinde „horizont“-Frage: „Ihre Forderungen beziehen sich aber vor allem auf das direkte Umfeld, in dem Ihre Werbung erscheint – solange hier keine Nazi-Inhalte auftauchen, ist Ihnen der Rest egal?“ erwiderte diese:

„Nein, überhaupt nicht. Es geht um die Inhalte auf Facebook insgesamt.“

Die Forderung, strafbare Inhalte (Beleidigung, üble Nachrede, Volksverhetzung) zu entfernen, stellt die Lobbyistin nicht. Beuchler will ein verlogenes, weichgespültes Medium, von dem aus dem sedierten Bürger von Nivea bis zu den Wertpapierfonds der Deutschen Bank problemlos alles untergejubelt werden kann.

„Das Businessmodell von Facebook basiert darauf, ein attraktives Werbeumfeld für Unternehmen zu sein. Schon deshalb müssen die Verantwortlichen ein vitales Interesse daran haben, nicht massiv ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik zu geraten. Die Gefahr, dass Werbungtreibende andernfalls Budgets abziehen, ist durchaus real.“

So klingen moderne und Ekel verursachende Erpressungsversuche. Entweder Facebook greift in die Meinungsfreiheit ein und bringt insb. kritische Stimmen zum Schweigen. Oder die Werbe-Milliarden werden abgezogen.

Frau Beuchler ist ein abschreckenes Beispiel völliger moralischer Degeneration. Falls ihr als Lobbyistin der Großindustrie der Begriff Moral nicht ohnehin gänzlich fremd ist.

© Joachim Nikolaus Steinhöfel 2016

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11 Kommentare zu "Nivea statt Meinungsfreiheit: Werbeindustrie droht Facebook mit Budgetkürzungen"

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Onkel Dapte
Gast

Und was lernen wir? Werbung und Wahrheit sind unvereinbare Gegensätze, so unvereinbar wie Meinungsfreiheit und die Groß-AA-Stiftung.

Willi
Gast

Facebook wird das Gleiche Schicksal wie andere einstmals große Unternehmen ereilen. (Kennt noch jemand Nokia?) Die Jugendlichen entdecken ständig neuere noch coolere Seiten und den Älteren wird facebook irgendwann zu doof. Ich selbst habe nur wenige Monate geteilt was das Zeug hält. Nun schau ich nur noch einmal mtl. rein um Post zu beantworten.

Geert Aufderhaydn
Gast

Selbstverständlich ist für Fr. Beuchler das Wort “Moral” nur etwas, mit dessen Hilfe man andere im Sinne der eigenen Herrn kujonieren kann. Hätte sie jemals auch nur für sich selbst das Wort mit Inhalt zu füllen versucht, die Funktion, die sie jetzt innehat, wäre ihr natürlich verwehrt geblieben. Also, Herr Steinhöfel, die Aufregung ist eigentlich entbehrlich und Fr. Beuchler sicherlich nur willig mitdrehendes Rädchen im Apparat; die Angelegenheit ist “systemisch”. Trotzdem höre ich es immer wieder gern, wenn der Hund knurrt. MfG, Aufderhaydn

gewne
Gast

Ist relativ einfach, diese Firmen negieren. Mache ich seit Jahren! Weiß das ich nicht viel ausrichte aber mir geht es gut dabei!

Bernd Haberzettl
Gast

Diese Frau Beuchler hat offensichtlich, was die Reichweite des Internets betrifft, genauso wenig Ahnung, wie Frau Merkel. Ihr dünkelhaft arrogantes Statement kann sich auch sehr schnell zum Shitstorm gegen ihre Arbeitgeber auswirken. Z.B. mit dem Motto: Kauft nichts mehr von Nestle.

egon samu
Gast

Tina und Anetta als Hilfstruppen für den Diktaturminister Maas.
Einfach keine Produkte kaufen, die von der Dame vertreten werden. Ganz einfach…

Paul Siemons
Gast

Dann werde ich nun meinen Werbeblocker ausschalten und sehen, welche dem OWM angeschlossenen Unternehmen bei Facebook Werbung schalten. Ich bin sicher, da ist kein Produkt bei, das unersetzlich oder unverzichtbar wäre.

René Bock
Gast

Meine Hochachtung Herr Steinhöfel,
Sie sind ein angesehener Anwalt mit Schwerpunkt Wettbewerbs- und Presserecht. Ihre Erfolge sprechen für Ihr gesundes Rechtsverständnis. Sie zeigen klar, was Zivilcourage in Deutschland mittlerweile wirklich ist: Seine Meinung kundtun, weil es unsere Verfassung zulässt und dafür auch berufliche Nachteile in Kauf zu nehmen.
Leute wie wird dieser Staat nach dem Zusammenbruch der subtilen Diktatur unseres Einheitsparteisystems brauchen. Ich wünsche Ihnen alles Gute.

Marcus Junge
Gast
“Sorry”, nur absolute Vollidioten, welche die BRD ja gezielt in ihrem Verblödungssystem züchtet, sind bei Facebook unterwegs. Außerdem kann jeder Werbeblocker verwenden. Gleiches gilt für den Rest der a-sozialen Netzwerke. Soll die Drecksindustrie mit ihrer Zensur halt da Werbung schalten, wenn keiner mehr hingeht / es sieht, wäre das ein teurer Rohrkrepierer. Weiterhin ist auch niemand gezwungen die Produkte solcher Unternehmen zu kaufen. Aber solange die da unten alle kriechen, werden die da oben weiter herrschen, was für Blöd-Michel aber viel zu kompliziert ist, um es zu verstehen. Daher bekommt Blöd-Michel, was er verdient, wählt, bezahlt und daher offensichtlich haben… Read more »
k.s.
Gast

Noch vor nicht allzulanger Zeit konnte man eher zugeben Pianist in einer Stripteasebar zu sein als sich als Reklamefuzzi für unnützes Zeug zu outen. Durch emotionale und geistige Manipulation und Dauerberiselung der Massen, insbesonderer der Jungen und Leichtgläubigen, sind die Reklamefuzzis von einst durch das von ihnen ergaunerte Geld inzwischen -zumindest vordergründig- “vornehm” und mächtig geworden und maßen sich an in die Meinungsfreiheit einzugreifen. Wie wäre es, wenn man die Machenschaften der Werbeindustrie einschränken würde und die der Industrie gleich mit. Dann haben die Industriebosse massive Umsatzeinbußen? Na und? Fährt der Boss eben nur noch 2 Autos statt 5.

M. Groß
Gast

Unternehmen entdeckten facebook einst als willkommenes frisches Werbemedium. Jetzt setzen sie facebook unter Druck. Meine Hoffnung: Entweder das Geld bleibt und die User gehen oder umgekehrt. Leider nur noch unmoralische Opportunisten in Deutschland. Man fragt sich, warum sich Leute Jahrzehnte lang mit moralischen Fragen auseinandergesetzt haben, wenn wir wieder moralisch im Frühkapitalismus stehen, nur mit dem Unterschied, dass die sich heute für besser halten. Total krank.

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